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Die Pflege neu denken

20.01.12
Die Infragestellung eines demografischen Wandels, der Streit um die Einrichtung einer Pflegekammer sowie die Diskussion um die Akademisierung der Pflege standen im Fokus des gemeinsam mit der Süddeutschen Zeitung organisierten SZ Forum Gesundheit an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München (KSFH). Mehr als 150 Experten aus dem Gesundheitsbereich, Pflegefachkräfte, Mediziner, Studierende und Verbandsvertreter diskutierten am 18. Januar die Frage "Wohin geht die Pflege?".
Mit dem demografischen Wandel wird in Deutschland ein Horrorszenario entworfen: Die Geburtenrate ist rückläufig, der Anteil älterer Menschen wächst überproportional an. Ein Pflegeengpass und eine Unterversorgung Pflegebedürftiger sind für die Zukunft vorprogrammiert. Doch der demografische Wandel ist nur ein Mythos – eine grafische Inszenierung, die von verschiedenen Gruppen für ihre Bedürfnisse genutzt wird. Mit dieser provokativen These konfrontierte Prof. Dr. Bernd Reuschenbach, Stiftungsprofessor an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München, das Auditorium und entwickelte in seinem Vortrag eine kritische Analyse des gängigen Demografie-Diskurses. Der demografische Wandel sei kein Phänomen der Gegenwart, sondern seit mehr als 150 Jahren ein wiederkehrendes Schreckgespenst gesellschaftspolitischer Diskurse. Verschiedene Lobbygruppen nutzten die Statistiken, Zahlen und Daten für ihre Interessen. "Wir müssen die Zahlen entzaubern und eine andere Sichtweise auf die Zukunftsszenarien für die Pflege entwickeln, denn es gibt keine verlässlichen Zahlen zur zukünftigen Pflegemotivation bei den Jüngeren", erklärte Prof. Reuschenbach.

Ein Szenario zeige beispielsweise auf, dass in den Jahren von 2020 bis 2030 die Zahl der Pflegebedürftigen um 450.000 auf knapp 3,36 Millionen steige. Dies seien 45.000 Pflegebedürftige pro Jahr. Prof. Reuschenbach weist in seinem Vortrag allerdings darauf hin, dass von den Pflegebedürftigen nur ein Drittel im Heim versorgt werde, also knapp 15.000 Personen, die sich auf die knapp 10.000 Heime verteilen. Dies bedeutet einen Zuwachs von ein bis zwei Pflegenden mehr pro Jahr und Heim. Im Übrigen würden die Menschen im Alter gesünder. Wenn wir die Anzahl an Pflegebedürftigen senken wollen, dann muss auch die Eigenverantwortung der Älteren gestärkt werden. Beispielsweise liegen gesundheitspräventives Verhalten und barrierefreies Wohnen in der Selbstverantwortung/-pflege der Menschen und tragen maßgeblich zur Prävention einer Heimeinweisung bei.

Der Beitrag der Medizin zur Gesundheitsvorsorge sei derzeit eher gering. Vielmehr ist dies eine zentrale Aufgabe der Gesundheits- und Krankenpflege, deren Beitrag in der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen wird.

Diese These unterstützte auch der Vortrag von Elisabeth Linseisen, Vorsitzende des Kath. Pflegeverbandes. Die fehlende Vertretung und mediale Präsenz der Pflege sei maßgeblich dadurch bedingt, dass nur wenige in den Berufsverbänden organisiert sind. Die Einrichtung einer Pflegekammer und damit die Mitgliedschaft aller Pflegenden würden einen wichtigen Beitrag für die Öffentlichkeitsarbeit und die Weiterentwicklung einer professionellen Pflegeversorgung leisten. Die Pflegekammer wäre ein fachlich kompetenter Ansprechpartner für Gesellschaft und Politik.

Eine weitere wichtige Maßnahme, um die Bedeutung und Attraktivität der Pflegeberufe zu stärken und um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, sei die Akademisierung. Prof. Dr. Christa Büker von der Hochschule München erklärte in ihrem Vortrag, dass der Arbeitsmarkt akademisch ausgebildetes Personal brauche. Die USA, in denen 50 Prozent des Pflegepersonals über eine akademische Ausbildung verfügen, seien hier Vorreiter. Das Thema der Akademisierung wurde von den Gästen kontrovers diskutiert. Dabei zeigten Erfahrungen aus der Praxis, dass es gerade bei den dualen Studiengängen einen großen Zuwachs gibt. Besonders Studierende des dualen Studiengangs Pflege wie an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München sehen das Studium als Alternative zur Ausbildung. Sie wollen mit pflegebedürftigen Menschen arbeiten und nicht primär Führungsaufgaben übernehmen.

Tenor der Veranstaltung war, dass es notwendig ist, die unterschiedlichen Kompetenzen der Pflegenden auch in unterschiedlichen Bildungsniveaus abzubilden: Von Pflegeassistenten und beruflich ausgebildeten Gesundheits- und Krankenpflegern bis hin zum Bachelor, Master und Doktor der Pflegewissenschaften. Dieser Konsens zeigt auch, dass die KSFH mit ihrem breiten Studienangebot in der Pflege – Pflegemanagement, Pflegepädagogik und Pflege dual – auf dem richtigen Weg ist.

Quelle: idw

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